Oliver, du konntest im Jahre 2016 das Projekt Transition Center für die Umschulung von darstellenden Künstler*innen erfolgreich lancieren. Über welche Erfolge freust Du Dich derzeit am meisten?
Tänzer*innen, die erfolgreich und zufrieden in einem neuen Beruf stehen, zählen für mich zu den grössten Erfolgen. Manchmal sind es auch die kleinen Schritte bei Beratungen, wenn man sieht, der Weg wird immer klarer. Auch hier ist der Anfang jeweils am schwierigsten, da es so viele Möglichkeiten gibt. Hier den richtigen Weg herauszukristallisieren, das ist unglaublich spannend. Wenn ein eingeschlagener Weg funktioniert, auch finanziell, das ist jeweils mein schönster Erfolg. Ein weiterer Erfolg ist, dass wir mit dem Projekt Transition Center SSUDK starten konnten. Dies auf ein solideres Fundament zu bringen und zusammen mit weiteren Partnern wie mit Danse Suisse und dem RDP einen Weg zu finden, damit die Stiftung langfristig auch durch die öffentlichen Hand getragen wird, ist mein nächstes Ziel.

Seitdem ich nicht mehr tanze, bin ich auf der Suche“
Der Schweizer Tänzer, Choreograf und Tanzpädagoge Oliver Dähler wurde u.a. an der Royal Ballet School in London und New York ausgebildet. Es folgten Engagements beim Royal Ballet of Flanders, Bern Ballett und Luzerner Theater und in Folge leitete er ein eigenes Tanzensemble. Kulturpolitisch setzte sich Dähler als Präsident von Danse Suisse ein und seit 2016 ist er Geschäftsleiter der Umschulungsstiftung SSUDK. Dähler schloss im Jahre 2007 das Studium NDS TanzKultur an der Universität Bern und im Jahre 2014 den Executive Master in Arts Administration (EMAA) an der Universität  Zürich ab. Seine Bühnenlaufbahn dauerte insgesamt 14 Jahre, von 19-33 Jahren.

Wann und wodurch wusstest Du, dass der Zeitpunkt gekommen ist, Dich umzuorientieren? Wie gingst Du mit dieser Situation um?
Ich war in der zweiten Spielzeit mit einer Knieverletzung eine ganze Saison ausser Gefecht gesetzt. Von einem Tag auf den anderen wurde meine Existenz als Tänzer in Frage gestellt. Wie geht es weiter? Im Fernstudium schloss ich eine Fotografie-Ausbildung ab. Seitdem ist die berufliche Neuorientierung ein ständiges Thema für mich. Zuerst habe ich sehr viel Zeit und Energie investiert, um wieder zurück auf die Bühne zu kommen. Später war der Übergang ziemlich fliessend. Noch während dem Tanzen habe ich mit Unterrichten begonnen und dann eine Ausbildung in Pädagogik absolviert. Wir hatten auch die Gelegenheit, im Tanzensemble Erfahrungen als Choreographen zu sammeln. Nach 3 Jahren am Stadttheater Bern als Ballettmeister und Choreograph, wagte ich den Sprung in die freie Szene und unterrichtete und choreografierte für die eigene Compagnie.

War es mal Thema für Dich, dass Du etwas machst, was nichts mit Tanz zu tun hat?
Das war für mich zum Teil die Fotografie. Ich habe als Fotograf für Zeitungen und für Tänzer gearbeitet unter anderem in New York. In Summe war jedoch der Tanz stärker. Die Ausdrucksmöglichkeit durch Tanz und Chroeographie war für mich intensiver und ich denke, da ich so viel in den Tanz investiert habe, auch während der Ausbildung, blieb ich dem immer treu, in schlechten wie in guten Zeiten, sozusagen. Der Tanz war für mich wie ein Anker. Die Schwierigkeit ist ja die Konzentration, die man als Tänzer während einer Aufführung hat, in einem anderen Beruf zu finden. Es hat etwas Meditatives oder sogar Spirituelles an sich. Die lange Vorbereitung auf einen verdichteten Moment, die Vorstellung. Man lebt während dieser Zeit sehr intensiv und ist mit dem ganzen Körper und Geist schöpferisch involviert. Das findet man fast in keinem anderen Beruf mehr, denke ich. Das ist auch die Schwierigkeit für Tänzer*innen oder darstellenden Künstler*innen, in der Zeit der Umschulung, etwas zu finden, womit sie auch ausgefüllt sind. Auch der soziale Aspekt ist ganz wichtig, besonders in einer Compagnie. Man fühlt sich eingebettet mit Kolleg*innen und hat relativ wenig Kontakt mit dem normalen Leben. Das trifft meines Erachtens insbesonders auf Compagnien im Theater zu. Das empfand ich als sehr prägend.

Grundsätzlich war der Bruch mit meiner tänzerischen Karriere sehr schwierig für mich. Wenn man von einem Tag auf den anderen durch eine Verletzung nicht mehr existiert, ist das sehr beunruhigend. Seitdem ich nicht mehr tanze, bin ich immer auf der Suche und entwickle neue Sachen, bilde mich weiter und das treibt mich an, in verschiedene Richtungen zu gehen, um neue Möglichkeiten zu erforschen.

Hast Du Dich während deiner Verletzung gut aufgehoben gefühlt durch die Compagnie oder ein soziales Netzwerk?
Überhaupt nicht! Als ich verletzt war, war ich einfach nicht mehr da, existierte nicht mehr. Es gab auch kein Coaching oder irgendeine Betreuung, ich war ganz auf mich gestellt. Es gab schon Kollegen, mit denen ich Kontakt hatte, aber es gab keine Infrastruktur. Was macht man mit einem verletzten Tänzer?! Man kann fast froh sein, dass man nicht entlassen wird und man bekommt das Gefühl, selber etwas erfinden zu müssen.

War der weitere Weg für Dich sofort klar?
Der neue Weg entstand rein aus mir, da es ja keine Infrastruktur diesbezüglich gab. Wenn ich in der schwierigen Zeit der Verletzung mehr Unterstützung gehabt hätte, hätte es sicherlich Dinge vereinfacht und der Heilungsprozess wäre viel schneller vorangegangen. Ich hätte mir ein gewisses Coaching gewünscht, in dem mir Möglichkeiten aufgezeigt werden. Ich denke, schon in Belgien hätte es vielleicht Möglichkeiten gegeben, mich anders zu orientieren.

Wie kamst Du auf die Idee die Umschulungsstiftung zu gründen? Was war deine Inspiration dazu?
Ein Teil davon war, dass ich selbst die Phase der Neuorientierung als sehr schwierig empfand. Dies hat dazu beigetragen, dass in mir der Wunsch entstanden ist, hier mehr Struktur aufbauen zu wollen und den Tänzern und Künstlern in einer solchen Situation Unterstützung bieten zu können. Meine Erfahrungen helfen mir natürlich sehr bei der Arbeit jetzt, wenn ich Künstler selber berate, da ich die Situation selbst kenne.

Als ich 1994 zurück in die Schweiz kam, setzte ich mich bereits für die Rechte der Tänzer ein im Schweizerischen Bühnenkünstlerverein SBKV und dann als Präsident von Danse Suisse (2004 – 2007). Der SBKV hat schon im Jahre 1993 eine Umschulungsstiftung gegründet und regelmässig Künstler*innen beim Berufswechsel unterstützt. Als ich von 2012 bis 2014 die Weiterbildung an der Universität Zürich Executive Master of Arts Administration besuchte, sah ich, wie die Umschulung in der Schweiz positioniert ist. In der Deutschschweiz und im Tessin gab es ein Manko diesbezüglich. In der französischen Schweiz gab es bereits eine Anlaufstelle und ich wollte eine Gleichstellung von darstellenden Künsten erreichen, insbesondere aber auch der Tänzer*innen schweizweit. Mit dem Ziel, Möglichkeiten zu eröffnen, damit alle dieselben Dienstleistungen beanspruchen können, lancierte ich das Projekt Transition Center im Jahre 2016. Die Masterarbeit im Rahmen des Studiums EMAA hat geholfen und sensibilisiert, was es in dem Bereich braucht und was die Bedürfnisse sind. Der Weg hat sich dann während des Studiums ergeben.

Was ist bei einer Transition / Umschulung von Künstler*innen, insbesondere Tänzer *innen zu beachten?
Der Hauptgrund ist die zeitliche Beschränktheit der Karriere. Der Kopf und die gesamte Energie stecken während dieser Zeit in der Arbeit am Tanz, um das Beste herauszuholen. Ich denke, es ist wichtig, dass man während der Ausbildung und der Karriere die Künstler*innen sensibilisiert, welche wertvollen Skills sie sich aneignen und ihnen aufzeigt, wie man diese in einem anderen Beruf weiterentwickeln kann. Dieses Bewusstsein muss geschärft werden, damit man nach der Bühnenkarriere nicht wieder bei Null anfängt.

Wichtig ist, dass jeder Künstler, jede Künstlerin individuell angesehen werden, mit der gesamten Biografie. Es gibt kein Modell, das auf alle gleich anwendbar ist, da muss man genau hinschauen und eine Bestandsaufnahme machen. Ebenfalls wichtig ist es zu berücksichtigen, weshalb sie aufhören müssen, ob es unfallbedingt war oder aus anderen Gründen. Wenn sie eine Verletzung haben, dann ist es auch psychologisch eine Herausforderung und es muss sehr viel Energie investiert werden, um zunächst überhaupt wieder auf die Beine zu kommen. Mit zunehmendem Alter muss man zudem mehr trainieren, um das Level halten zu können. Deshalb bleibt weniger Zeit, um sich weiterbilden zu können. Dies macht eine frühzeitige Aufklärung noch wichtiger.

Wenn man sich entscheidet, in der Schweiz zu bleiben, ist es essentiell, möglichst früh Sprachkurse zu besuchen, um auch die lokale Sprache zu beherrschen. Will man studieren, braucht man eine gute Sprachgrundlage, ansonsten ist es fast unmöglich, im Studium zu reüssieren und dann in einem neuen Beruf Fuss fassen zu können.

Viele Fragen werden auch zu Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Sozialversicherungsthemen gestellt. Ich führe hierzu zahlreiche Beratungsgespräche und führe auch Coachings im Kulturmarkt für arbeitslose Künstler durch.

Besteht deines Erachtens die Gefahr, dass durch die frühzeitige Aufklärung von Tänzern eventuell dieser einzigartige Fokus auf die Karriere verloren geht?
Ganz im Gegenteil, ich denke, gerade durch Orientierung und Sicherheit, dass es Unterstützung gibt, kann man loslassen und sich noch mehr auf die derzeitige Karriere einlassen..Es gibt Tänzer, die sich sehr viele Sorgen während der Karriere machen und dadurch keine innere Ruhe haben. Nach einem Workshop mit einer Ballettcompagnie habe ich auch das Feedback bekommen, dass wir grundsätzlich mit der Aufklärungsarbeit Angst nehmen konnten. Hierbei half auch der Erfahrungensaustausch mit bereits umgeschulten Tänzer*innen.
Bei den Studien, die ich gemacht habe, konnte ich sehen, dass Tänzer*innen ihr mögliches Karrierenende zeitlich viel später einschätzen als dies die durchschnittlichen Erfahrungswerte zeigen. Bei den meisten Tänzer*innen tritt das durchschnittliche Karrierenende mit 35 Jahren ein, während sie selber den Schnitt bei ca. 40 Jahren ansetzen würden.

Was ist das Konzept hinter Speeddatings? Was darf man dort erwarten?
Die Idee war ein ungezwungener Austausch zwischen noch aktiven Tänzer*innenn und bereits umgeschulten Tänzer*innen. Es geht um einen persönlichen Erfahrungsaustausch und um Inspiration für einen neuen Beruf. Nach ca. 10 Minuten wechseln alle den Gesprächspartner, wodurch eine tolle Dynamik entsteht. Dies bietet zudem eine gute Möglichkeit, in einem lockeren, ungezwungenen Umfeld, die Umschulungsthematik zu besprechen.

Es fanden bereits zwei Speeddatings in Bern statt, die mit einem spannenden Vortrag gekoppelt waren. Im Herbst 2018 haben wir wieder ein Speeddating geplant, wozu wir dann gesondert einladen werden.

Über welche Erfolge der Stiftung freust Du Dich am meisten?
Tänzer*innen, die erfolgreich und zufrieden in einem neuen Beruf stehen, zählen für mich zu den grössten Erfolgen. Manchmal sind es auch die kleinen Schritte bei Beratungen, wenn man sieht, der Weg wird immer klarer. Auch hier ist der Anfang jeweils am schwierigsten, da es so viele Möglichkeiten gibt. Hier den richtigen Weg herauszukristallisieren, das ist unglaublich spannend. Wenn ein eingeschlagener Weg funktioniert, auch finanziell, das ist jeweils mein schönster Erfolg.

Ein weiterer Erfolg ist, dass wir mit dem Projekt Transition Center starten konnten. Dies auf ein solideres Fundament zu bringen und zusammen mit weiteren Partnern wie mit Danse Suisse und dem RDP einen Weg zu finden, damit die Stiftung langfristig auch durch die öffentliche Hand getragen wird, ist mein nächstes Ziel.

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