Transition als Chance

Das Ballett Zürich kann sich über grosse Beliebtheit und Rekord Auslastungen freuen. Als der grösste Arbeitgeber für Tänzer*innen in der Schweiz ist das ein Grund zur Freude und gibt zudem die Möglichkeit die Zukunft für Tänzer*innen mitzugestalten. Christian, Du selbst hast einen sehr erfolgreichen Weg vom Tänzer zum Choreographen und Ballettdirektor des Ballett Zürich hinter dir. Wie würdest Du deine berufliche Transition im Rückblick sehen?

Schwierig. Das war eine sehr schwierige Zeit.
Zunächst habe ich spät mit meiner Tänzerkarriere begonnen. Die Ausübung des Berufes danach und insbesondere der Schritt vom Tänzer zum Choreografen war auch nicht einfach, denn der Beruf des Choreografen ist so nicht erlernbar. Es geht weniger darum Schritte zu machen, sondern darum, mit Menschen zu arbeiten, mit den Tänzer*innen. Der Choreograf kann seine Kunst nur mit anderen Künstler*innen ausüben. Das ist ein Prozess, den man lernen muss. Der kann sehr viel Spass machen, kann aber auch sehr schmerzhaft und schwierig sein. Dann kam noch der Wechsel in eine noch grössere Verantwortung, sprich Direktor zu sein. Das macht alles viel Spass, bedeutet aber auch viel Arbeit. Das ist das Allerwichtigste. Hier brauche ich die unglaubliche Disziplin, die uns als Tänzer anerzogen wird. Diese Disziplin, die hält bis heute an. Auch heute bedeutet das, dass mein Tag um halb sechs beginnt und nicht wieder vor 23 Uhr zu Ende ist. Jetzt ist es 11 Uhr und ich hatte noch keine Zeit zum Frühstücken. Aber das sind alles Dinge, die man in Kauf nimmt. Ich glaube, dass jede Form von Transition oder beruflicher Veränderung schwierig sein kann. Aber mit genügend Disziplin und Offenheit kann das auch etwas sehr Fruchtbares und Schönes sein und sehr viel Spass machen. Es ist jedoch meistens so, dass ein gewisser Druck mit dabei ist, eine neue Position zu finden. Ein Druck, anders Geld zu verdienen und in der Qualität, die man gewohnt ist oder sich wünscht, weiterzuleben. Es ist natürlich nicht leicht damit umzugehen. Aber auch das habe ich erleben dürfen oder müssen. Vor dem Stuttgarter Ballett habe ich 2 Jahre freiberuflich gearbeitet, mit einer kleinen Compagnie. Ich musste ständig Anträge schreiben, um Gelder zu bekommen, um die Vorstellungen zu finanzieren und dann irgendwie auch selber noch die Miete bezahlen zu können. Ich durfte das alles selbst erleben und weiss, was es heisst in Transition zu sein.

Christian, wo siehst du generell Herausforderungen in der beruflichen Transition für Tänzer*innen?

Dass man sich zu spät mit dem Thema beschäftigt und die Transition mit einem gewissen Druck oder sogar mit Angst verbunden ist.

Wie präsent ist das Thema Transition für Dich im Alltag als Choreograf und als Ballettdirektor? Und wie gehst du damit in der Compagnie um? Gibt es da Unterschiede, vielleicht Zwiespälte oder Herausforderungen besonderer Art für Dich?

Es ist immer Thema für mich und es beschäftigt mich auch. Ich bin froh, dass Oliver Dähler, Geschäftsführer der SSUDK, jetzt schon zwei Mal mit einem Workshop beim Ballett Zürich war und ich freue mich, dass viele Tänzer*innen daran teilgenommen haben. Bei manchen Tänzer*innen ist es auch so, dass ich sie darauf anspreche, was sie sich denn eigentlich so vorstellen in der Zukunft und dabei unterschiedliche Reaktionen auslöse. Manchmal sind es wirklich bittere Tränen, da der Tänzerberuf sehr intensiv ist und viel Disziplin und Fokus verlangt, so dass eine Art Angst entsteht. Manchmal kommt es dabei auch zum Missverständnis, dass man aufhören oder gehen müsste. Mein Wunsch bei diesen Fragen oder Vorschlägen ist aber, dass die Tänzer*innen früh genug darüber nachdenken und beginnen die Weichen zu stellen. Ich weiss, es gibt einige Tänzer*innen in der Compagnie, die parallel zu ihrem Engagement beim Ballett Zürich die Matura nachholen oder ein Fernstudium machen. Der Umgang mit der Thematik hängt sehr stark mit der Persönlichkeit des Einzelnen zusammen. Ich glaube, es ist schon viel passiert weltweit mit dieser Problematik. Viele Tänzer*innen möchten auch weiterhin am Theater bleiben, und da versuchen wir natürlich auch, etwas für sie zu finden. Aber ich habe auch Freunde, die ausgewandert sind, dort eine Bäckereikette gegründet haben und nun ein ganz anderes Leben führen. Ich kenne auch einige Tänzer, die eine Bankerausbildung nach ihrer Tänzerkarriere gemacht haben. Das hat sehr viel mit der Persönlichkeit des Einzelnen zu tun.

Ist es also essentiell neugierig zu bleiben und die vielfältigen eigenen Skills / Kompetenzen früh zu entdecken und weiterzuentwickeln?

Ich erlebe immer wieder, dass auch zukünftige Arbeitgeber sich grundsätzlich für eine/n Tänzer*in entscheiden werden, weil Tänzer*innen eine besondere Disziplin und Ausstrahlung haben, sehr viel Erfahrung mitbringen und sie auch in der Lage sind, mit schwierigen Momenten gelassen umzugehen. Der Beruf als Tänzer*in bringt eine Menge an Qualitäten mit.

Welche Angebote an Weiterbildungen gibt es beim Ballett Zürich?

Wir können keine allgemeinen Angebote machen, da diese individuell auf jede Person zugeschnitten werden müssen. Also wird in dem Moment, an dem eine Karriere zum Ende kommt oder der/die Tänzer*in überlegt, wie es weiter gehen soll, geprüft. Für eine weitere Beratung sowie für eine eventuelle finanzielle Unterstützung wenden sich die Tänzer*innen an die SSUDK. Das Hauptproblem entsteht meist schon bei der Frage, was der- oder diejenige als zweite Karriere einschlagen möchte, denn viele haben noch gar nicht darüber nachgedacht. Da versuche ich immer das Gespräch zu suchen und dann den/die Tänzer*in an eine Stelle zu empfehlen, die eine individuelle Beratung bieten kann, wie die SSUDK.

Gerade deswegen ist es so wichtig, dass es das Projekt Transition-Center SSUDK gibt, das in der deutschsprachigen, italienischen Schweiz und in Liechtenstein seit 2016 aufgebaut wird und nun bereits zahlreichen Künstler*innen diesbezüglich zur Seite stehen konnte. Wo siehst Du Verbesserungs- und Lösungsansätze in der derzeitigen Situation für Tänzer*innen in der Schweiz bzw. im Ausland?

Dazu kann ich nicht so viel dazu sagen. Ich finde es mittlerweile gut, dass es den Tänzer*innen ermöglicht wird, neben der Berufsausbildung die Matura zu machen. Zu meiner Zeit in Deutschland ist man nach der 10. Klasse abgegangen. Abitur und Ballett ging nicht zusammen. Dass dies immer mehr möglich wird und die Ballettschulen Tänzer*innen schon früh ermutigen, nebenbei noch etwas anderes zu machen, finde ich sehr wichtig. Ich glaube schon, dass hier eine andere Aufmerksamkeit entstanden ist. Aber das ist natürlich noch ausbaufähig.

Das Transition-Center SSUDK wurde von Stiftungen unterstützt in den letzten Jahren aufgebaut und es finden gerade Gespräche statt, um zu sehen, welche Möglichkeiten für eine zukünftige Finanzierung bestehen. Die Anschubfinanzierung hat stattgefunden und jetzt muss der nächste Schritt passieren. Wo siehst du hier Unterstützungsmöglichkeiten oder Lösungsansätze?

Ich finde schon, dass da die Politik und der Kanton in der Pflicht sind, die Finanzierung weiter zu sichern und die SSUDK zu unterstützen. Ich weiss von Deutschland, dass Tänzer*innen als «erste Hilfe» Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Jedoch finde ich, dass auch Institutionen, wie die SSUDK, die längerfristige Unterstützung bieten, vom Kanton unterstützt werden sollen. Die Schweiz war zwar eines der letzten Länder, das den Tänzerberuf offiziell anerkannt hat, ist aber dafür momentan absoluter Trendsetter, wenn es um professionelle Berufsausbildungsschulen für den Tanz geht. Es gibt viele professionelle Ballettschulen, die vom Kanton unterstützt werden. Daher wäre es, meiner Meinung nach ein logischer Schritt, dass auch das Transition-Center SSUDK von der öffentlichen Hand getragen wird. Das hoffe ich zumindest.

Es konnten bereits zahlreiche Künstler*innen vom Transition-Center SSUDK beraten und an die 30 Tänzer*innen auch finanziell unterstützt werden in ihrer Transition, wo andere Gelder gefehlt haben. Das zeigt die Notwendigkeit der Umschulungsstiftung SSUDK. Es ist jedoch weiterhin sehr wichtig dem Thema genügend Aufmerksamkeit zu geben. Wo siehst du hier deine Position?

Ich sehe das auch als unsere Verantwortung als Arbeitgeber hier am Opernhaus, deswegen mache ich Zukunftspläne immer wieder zum Thema, auch wenn manche Tänzer*innen sich oft noch nicht damit befassen möchten. Das Wichtigste ist, dass ein Bewusstsein darüber entsteht, rechtzeitig eine zweite Karriere zu planen.

Das Gespräch führte Monika Gugganig.

foto © Jos Schmid

 

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